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UNSER HAUS IST FÜR ALLE OFFEN

Viktoria Tiedeke und Dr. Oliver Olsen Wolf sind die Vorstände von Global Forest e. V. Der gemeinnützige Kunstverein ist ein Ort der Begegnung – für internationale Kunstschaffende und Einheimische.

01. Was verändern Sie mit Ihrem Wirken?

Viktoria Tiedeke und Dr. Oliver Olsen Wolf

Entgegen manchem Vorurteil, finden sich im Schwarzwald zahlreiche Kunstmuseen, fast jedes Städtchen hat ein eigenes Museum. Dennoch sind wir überzeugt, dass wir uns in unserer Herangehensweise von anderen Kunstorten der Region unterscheiden. Indem wir Kunst nicht nur zeigen, sondern unsere Künstlerinnen und Künstler über einen längeren Zeitraum vor Ort leben. Sie teilen die Infrastruktur mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. So haben wir den „Elfenbeinturm“ ins Erdgeschoss umgezogen: Unser Haus ist offen. Das oft zitierte Stichwort Teilhabe deuten wir als wechselseitige Beziehung: Wir zeigen uns als Kunstverein offen für Belange der Stadt, nehmen uns bewusst auch ortsspezifischer Themen an und übernehmen dabei auch Verantwortung. Im Ergebnis erleichtert dies, die soziale Distanz gegenüber zeitgenössischer Kunst abzubauen. Ein Verein lebt von der Dynamik seiner Mitglieder und im Speziellen sind gerade Kunstvereine im 19. Jahrhundert aus der bürgerlichen Beteiligung heraus erwachsen. Dieses Erbe nehmen wir ernst. Bei aller Begeisterung für den Schwarzwald ist festzustellen, dass Neues manchmal lieber zunächst aus sicherer Distanz beäugt und Vertrauen erst nach und nach aufgebaut wird. Toll wäre eine regelmäßige Förderung durch die Stadt und den Kreis. Daran arbeiten wir fieberhaft.

02. Was bedeutet für Sie Vernetzung?

Vernetzung ist für uns zentral und bedeutet: sich austauschen, beraten, Hilfe erhalten, Wissen teilen, Offenheit bewahren und Prozesse gemeinsam gestalten. Jede Art von Netzwerk ist dabei Stabilisator und Reibungsfläche, zugleich Korrektiv. Wir sind überzeugt, dass durch Kollaborationen und die wechselseitige Kommunikation mit den Künstlerinnen und Künstlern für die Menschen vor Ort, der lokalen Industrie sowie regionalen Kunst- und Kulturinstitutionen ein nachhaltiger Mehrwert geschaffen werden kann.

Vereinsmitglieder, der Vorstand, unsere Artists in Residence: Wir alle leben und bewegen uns in der Region, gemeinsam mit unserem potenziellen Publikum. Wir kommunizieren unser Projekt oft beiläufig, etwa beim Bäcker. Auf dieser persönlichen Ebene entstehen Anknüpfungspunkte. Und auch wer bislang nichts mit Kunst zu tun hatte, ist neugierig, was in der Stadt passiert. Dabei sind die Kunstschaffenden und die Inhalte ihrer Arbeit die Katalysatoren, die über die Region hinaus die Wirkkraft des Vereins erhöhen. Anschaulich wird das am Beispiel unseres VOGELKLANG-SOUNDCAMPS, in dem wir uns damit beschäftigen, wie wir mit der Natur umgehen können. Wichtiger Partner ist dabei der International Dawn Chorus Day, eine in London ansässige Naturschutzinitiative, die aus den Klangmitschnitten aller rund um den Globus verteilten SOUNDCAMPS die lokalen Morgengesänge der Vögel zu einem 24-stündigen Livestream addieren. Eine Klangreise um den Erdball. Während wir in St. Georgen erfahrbar Teil eines globalen Netzwerks werden und Menschen aus der ganzen Welt erreichen, verknüpfen wir uns im Schwarzwald mit Partnern wie dem Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Radolfzell oder der Fakultät Digitale Medien der Hochschule Furtwangen. So lenken wir Aufmerksamkeit auf wichtige Themen unserer Zeit.

03. Wie wollen Sie leben?

Für unsere Residenzkünstlerinnen und -künstler wäre ein engeres öffentliches Verkehrsnetz wünschenswert, um auf eigene Faust die Region zu erkunden. Ein großer Erfolg waren für uns die über 250 Bewerbungen als Reaktion auf unsere Ausschreibung der Künstlerresidenzen. Dass wir international so viele Menschen für einen Aufenthalt in St. Georgen begeistern, hat uns positiv überrascht. Wir wünschen uns eine offene Gesellschaft, die auf einer sozialen Wertebasis fußt, statt auf neokapitalistischen Machtinteressen. In der sich Kategorien nicht als Mauern manifestieren, sondern als offenes Gefüge, in dem dynamisch agiert und gedacht wird. Es wäre schön, wenn so jede und jeder Einzelne eine gleich laute Stimme und demokratische Mündigkeit hätte.