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STADT, LAND, ZUKUNFT?

Michael Rieger empfängt Christoph Dahl im Sitzungs­saal des Ra­thau­ses in St. Georgen – mit Sicher­heits­ab­stand. In Zei­ten der Krise und Un­ge­wiss­heit tref­fen sie sich zum Ge­spräch: Wie wollen wir leben – heute und mor­gen? Ein Inter­view über den Reiz des länd­lichen Raums – seine Po­tenziale und seine Herausforderungen.

Leben in der ländlichen Region, das bedeutet für viele: Haus mit Garten, Raum zur Entfaltung, Ruhe. Für andere aber auch: keinen Supermarkt in der Nähe, der Bus fährt einmal am Tag, die einzige Kneipe macht dicht ... Und für Sie?

Michael Rieger

Wenn ich aus dem Haus gehe, bin ich direkt im Grünen. Wir kennen keinen Stau oder überteuerte Grundstücks- oder Immobilienpreise. Allein die saubere Luft ist ein Pluspunkt, mit dem früher noch geworben wurde. Für mich war es eine bewusste Entscheidung, als Bürgermeister im ländlichen Raum zu kandidieren. Seit zwölf Jahren bin ich in St. Georgen. Es ist eine Stadt für den zweiten Blick. Wer zum ersten Mal zu uns kommt, hat oft andere Vorstellungen, denkt zunächst nur an Fachwerkromantik und Kuckucksuhren. Dass wir aber ein innovativer Wirtschaftsstandort sind, überrascht viele positiv. St. Georgen zeichnet sich durch ein überdurchschnittliches bürgerschaftliches Engagement aus. Kirchliche, soziale und kulturelle Einrichtungen, aber auch das Vereinswesen oder unsere Freiwillige Feuerwehr tragen sehr stark zu einem guten Miteinander bei, das es so ausgeprägt wohl nur im ländlichen Raum gibt. Diese Mentalität hier schätze ich. Im Übrigen können wir eine sehr gute Infrastruktur vorweisen.

Christoph Dahl

Wir müssen weg vom Klischee, dass nichts läuft auf dem Land. Ich bin in Reutlingen aufgewachsen, am Fuß der Schwäbischen Alb. Heute lebe ich in Stuttgart-Sillenbuch auf der Filderebene, außerhalb des Stadtzentrums. Baden-Württemberg ist geprägt von ländlichen Räumen mit hoher Lebensqualität, die wirtschaftlich vielfältig und stark sind. Dort bewegt sich unglaublich viel. Die heile Welt und paradiesische Idylle gibt es allerdings auch nicht in den Dörfern. Probleme und Herausforderungen finden sich natürlich überall: Während im ländlichen Raum vor allem Mobilitätsprobleme die Bürgerinnen und Bürger herausfordern, sind es in den Städten auch die zu teuren Wohnungen, Stau, schmutzige Luft, soziale Brennpunkte. Die Versorgung mit Breitband, der Glasfasernetzausbau, die Anbindung an die Verkehrsadern: Das alles sind Punkte, die Menschen heute mit Lebensqualität verbinden und von denen viel abhängt. Der Zugang zu Bildung, gut erreichbare Schulen, genügend Kindergartenplätze, aber auch Raum für Kultur. Es muss nicht das große Konzerthaus sein. Doch Bürgerinnen und Bürger brauchen Begegnungsorte, gerade auf dem Land.

Wo sehen Sie da die Stärken im ländlichen Raum?

C.D.

Gerade im ländlichen Raum finde ich es wichtig, wie viel Einzelne erreichen können, wie Vorbilder – etwa einzelne Bürgerinnen und Bürger oder auch Sie in Ihrer Funktion als Bürgermeister – andere mitreißen können. Wenn sich Menschen zusammentun, beteiligen, ihre Möglichkeiten nutzen. Wir von der Baden-Württemberg Stiftung machen Demokratieprojekte an Berufsschulen und erleben immer wieder, dass viele junge Menschen heute nicht um die Stärken und Möglichkeiten der Demokratie wissen, sie kennen oft kaum den Unterschied zur Diktatur. Doch viele demokratische Erfahrungen können sie in Vereinsstrukturen machen: Mehrheitsentscheidungen, Diskussionen in Gremien, wie sich Interessen durchsetzen lassen. Feuerwehr, Fußballvereine, sonstige Freizeitgruppen sind für viele wie eine zweite Familie und gerade auf dem Land von unschätzbarem Wert.

M.R.

Das stimmt. An meinen Kindern, die in verschiedenen Vereinen integriert sind, sehe ich, wie entscheidend diese Bindung ist. Wir sind stolz darauf, dass Landwirtschaft, Tourismus und Wirtschaft bei uns Hand in Hand gehen. Zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe betreiben nebenher Ferienwohnungen, als zweites Standbein. Sie sorgen dafür, dass wir diese einmalig schöne Schwarzwaldlandschaft vorweisen können. Auf den Wiesen grasen die Kühe. Und daneben findet sich ein Weltmarktführer. Was wir hier haben, ist aus meiner Sicht kostbar. Darum können wir uns selbstbewusst zeigen. Ich behaupte: Wenn mehr Menschen um unsere Vorzüge in der Region wüssten oder – provokant gesagt – ernsthaft den Vergleich Metropole–Land anstellten, hätten wir keinen Fachkräftemangel.

Sie sprechen die Landflucht an. Wie schafft St. Georgen es, attraktiv zu bleiben, eine Perspektive zu bieten?

M.R.

Wir setzen uns zunehmend damit auseinander. Die Stadt entwickelt sich sehr gut, in vielen Bereichen. Aktuell suchen wir händeringend nach einer Nachfolge für eine gynäkologische Praxis. Der weite Weg zu Fachärzten beeinträchtigt die Lebensqualität der Großstädter viel seltener als Menschen auf dem Land. Das sind strukturelle Hürden, die den Alltag erschweren. Doch nicht nur Ärzte, auch Lehrkräfte wollen verstärkt in die Stadt, etwa nach Freiburg. Viele pendeln von dort nach St. Georgen, was ich nicht nachvollziehen kann. Dabei könnten wir jeden Einwohner gebrauchen. Auch Investoren zu finden, wie zuletzt für ein Hotelprojekt in unserem Städtchen, fällt schwerer als in Ballungsgebieten. Wir müssen da erheblichen Mehraufwand betreiben, um erfolgreich zu sein. Was mir allerdings wichtig ist: Wir dürfen uns nicht unter Wert verkaufen. Im Gegenteil: Wer zu uns kommt, soll aus Überzeugung kommen. Wir haben sehr viel zu bieten, gerade für junge Familien, haben viele Arbeits- und Ausbildungsplätze, kurze Wege, Sicherheit, und Kinder erleben hier noch Abenteuer. Die Menschen sind fleißig, geradlinig. Das Klischee der Schaffer und Tüftler kommt nicht von ungefähr.

C.D.

Die Jungen sollen gehen, Erfahrungen sammeln, ruhig einmal woanders leben, das ist wichtig. Doch es zeigt sich, dass es viele schließlich wieder zurückzieht zu den Wurzeln. Je mehr Bequemlichkeiten es gibt, das kann auch etwas „Banales“ sein, wie ein Hallenbad, desto attraktiver. Ich bin überzeugt, dass sich gerade in der Zeit der Corona-Krise viele nach dem Leben auf dem Land gesehnt haben. Gerade erkennen viele, dass die Digitalisierung es künftig erlauben wird, ortsunabhängiger zu arbeiten. Diese Entwicklung hat einen Schub bekommen – und wird viele Veränderungen nach sich ziehen, mehr Flexibilität ermöglichen.

Ein wichtiges Zukunftsthema für die Kommunen in den ländlichen Regionen ist nicht nur die Ab-, sondern die Zuwanderung. Wie gelingt Integration hier?

M.R.

Schon vor den Fluchtbewegungen 2015 kamen gut 80 Tamilen aus Sri Lanka nach St. Georgen. Wir förderten sie in Sprachkursen, es gab Schwimmkurse, Bürgerinnen und Bürger halfen bei Behördengängen, vor allem kam es auf den engen Kontakt, den Austausch mit uns „Einheimischen“ an. Zwei Tamilen begannen für die Stadt zu arbeiten, im Bauhof. Das waren alles Schritte, um Berührungsängste abzubauen – auf beiden Seiten. Integration gelingt nur, wenn wir uns gegenseitig die Hand reichen.

C.D.

Vielfalt geht aber auch einher mit Veränderung. Damit ein Zusammenleben verschiedener Kulturen gelingen kann, müssen Voraussetzungen dafür geschaffen werden. St. Georgen hat Vorbildcharakter für mich. Die WIRkstatt, das Zentrum und der Treffpunkt für Integration, wurde im Rahmen unseres Programms „Vielfalt gefällt“ als einer von 60 „Orten der Integration“ in Baden-Württemberg ausgewählt. Ganz wichtig dabei: die Kommunikation von Anfang an. Die Menschen kamen schnell miteinander ins Gespräch. Kirchen, Vereine, soziale Einrichtungen, Privatpersonen zogen an einem Strang. Was hier geleistet wurde, ist aus meiner Sicht ein gelungenes Beispiel, von dem nicht nur andere Kommunen lernen können, sondern auch größere Städte.

Wem gehört die Zukunft – Stadt oder Land? Und wo sehen Sie die großen Herausforderungen?

C.D.

Ein entscheidender Faktor für die Zukunft auf dem Land ist die Digitalisierung. Neue Formen der Mobilität, des Arbeitens oder der Gesundheitsversorgung können sich nur dann entfalten, wenn der digitale Wandel vorangetrieben wird. Wenn es gelingt, die Netzlücken flächendeckend zu schließen, bietet der ländliche Raum gegenüber der Stadt auch künftig eine hohe Lebensqualität. Eine weitere große Aufgabe, die vor allem den ländlichen Raum betrifft, ist mehr Schutz und Einsatz für die Artenvielfalt. Im Nordschwarzwald gibt es den ersten Nationalpark im Land, das Biosphärengebiet im Südschwarzwald ist ein wichtiges Schutzgebiet. Natur- und Kulturlandschaften im ländlichen Raum zu erhalten und zu fördern, sehe ich als eine der Herausforderungen.

M.R.

Viele glauben, im Schwarzwald kann man schön Ferien machen, aber nicht arbeiten. Dass beides geht, welche Möglichkeiten und Innovationen es hier gibt, das sehe ich als zukunftsentscheidend. Dieses überholte Wort des „Miteinanders“ wollte man lange nicht mehr hören. Aber das Miteinander spielt eine enorm große Rolle. Wie gehe ich mit den Menschen um? Gehen wir aufeinander zu? Lebe ich lieber anonym oder integriert? Dieses Miteinander, dieses Zusammenwirken ist die Grundvoraussetzung für vieles andere. Ich sehe uns da in einer großen Verantwortung.

Christoph Dahl

wurde 1953 in Reutlingen geboren, hat in Tübingen studiert und ist Vater von fünf Kindern. Er ist seit 2010 Geschäftsführer der Baden-Württemberg Stiftung und wohnt in Stuttgart.
WIR MÜSSEN WEG VOM KLISCHEE, DASS NICHTS LÄUFT AUF DEM LAND.“
AUF DEN WIESEN GRASEN BEI UNS DIE KÜHE. UND DANEBEN FINDET SICH EIN WELTMARKTFÜHRER."

Michael Rieger

wurde 1961 in Waldshut-Tiengen geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder. Seit dem 1. August 2008 ist er Bürgermeister der Stadt St. Georgen und startete am 1. August 2016 in seine zweite Amtszeit. Sieben Monate war er wegen einer schweren Krankheit außer Dienst und ist seit Mai 2019 zurück im Amt.