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WIR STIFTEN REGIONALE IDENTITÄT“

Hans-Peter Schreijäg

Der Stellenwert der Tageszeitung ist gesunken. Die Medienwelt hat sich gewandelt. Doch noch spielen wir eine zentrale Rolle im ländlichen Raum. Die Entwicklung ist wenig erfreulich, keine Frage. Mit der klassischen Printzeitung gewinnen wir heute kaum jüngere Leser. Doch kommunale Debatten, lokalpolitische Diskussionen, Rivalitäten zwischen Ortschaften, gemeinsame Aktionen, Veranstaltungen: All das spielt sich bei uns ab. Lokalzeitungen gehören zu den letzten Institutionen, die regionale Identität stiften. Wir schlagen, weitergehend noch als beispielsweise Vereine, den großen Bogen, halten die Menschen so ein Stück weit zusammen. Wenn auch leider nicht mehr so stark über die Generationen hinweg, wie wir es uns wünschen. Viele junge Leute informieren sich eher in Blogs und über soziale Medien. Unsere Reporterinnen und Reporter sind überall unterwegs, bleiben nicht im Studierstübchen sitzen. Im Lokalen, im Regionalen sind wir demokratierelevant. Das spüren wir gerade heute: sei es, wenn es um Rechtsextremismus geht oder zuletzt um Corona. Die Menschen haben einen enormen Informationshunger. Verschwörungstheorien, Fake News, krude Gruppierungen spalten. Gerade lokaljournalistische Arbeit wird von einigen diskreditiert. Dabei ist sie umso wichtiger in dieser Zeit. Doch ich will nicht das übliche Klagelied singen. Wir genießen Vertrauen, stehen für viele für Verlässlichkeit.

Unser Verbreitungsgebiet ist groß. Für uns liegt die Kunst darin, eine Zeitung zu machen, die sich über einen so vielfältigen Raum erstreckt: Wir erscheinen vom Nord- bis zum Südschwarzwald, in allen drei früheren Landesteilen, in Baden, Württemberg und Hohenzollern. Wir decken alle Regierungsbezirke ab: Freiburg, Karlsruhe, Tübingen, Stuttgart. Wir haben eine Auflage von 110.000 Exemplaren, knapp 200.000 Leserinnen und Leser.

Zu über 90 Prozent erscheint der „Schwabo“ außerhalb des Verlagssitzes Oberndorf am Neckar. Es sind kleine Strukturen, viele Dörfer. Ganz elementar für uns ist die Leser-Blatt-Bindung: Zwar sinkt die Zahl der Abonnentinnen und Abonnenten seit Jahren – überall. Doch wir bekommen heute zunehmend mehr Post von Lesern, die sich positionieren wollen. Es ist wichtig, dass sich nicht nur Studienräte einbringen, sondern sich die breite Bevölkerung zu Wort meldet. Nur so entsteht ein lebendiger Gedankenaustausch.

Ich kann es mir nur schwer vorstellen, in der Großstadt zu leben. Ich stamme von der Schwäbischen Alb, wohne noch immer dort in Bisingen. Seit gut 40 Jahren arbeite ich beim „Schwabo“. Deutschlandweit ist kaum ein Gebiet so bekannt wie der Schwarzwald. Unsere Region ist eine Marke. Es ist für uns ein Glücksfall, diesen Namen zu tragen. Das Image des Schwarzwalds hat das Dunkle verloren, das ihm anhaftete, die düsteren Täler, die Hinterwäldler-Klischees sind vergessen. Das freundliche Image als Urlaubsziel blieb.

Ich glaube nicht, dass Corona und die Nachwirkungen nun zur Stadtflucht führen, aber zu einer Orientierung hin zum ländlichen Raum. Wenn wir die Vorzüge einer globalen und digitalen Arbeitsstruktur vereinen können, nicht mehr darauf angewiesen sind, in einen Bürokomplex in die Stadt zu fahren, entscheiden sich vielleicht mehr Menschen für das Leben außerhalb. Das Landleben bedeutet nicht Verzicht. Natürlich haben wir nicht das Nachtleben einer Großstadt und auch nicht die Kulturszene. Doch in Baden-Württemberg haben wir den Vorteil, dass auch der ländliche Raum nicht abgehängt ist, wirtschaftlich gesehen. Das Potenzial verblüfft mich immer wieder.