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WIE WOLLEN SIE LEBEN, FRAU SCHNEIDER?

Friederike Schneider, 30, ist eine von elf hauptamtlichen Rangerinnen und Rangern im Nationalpark Schwarzwald. Die Schutzgebietsbetreuer sind im Gelände unterwegs, halten Lehrpfade und Informationstafeln instand, machen Öffentlichkeitsarbeit und führen Besucherinnen und Besucher durch den Wald.

Friederike Schneider

Wenn ich aus meinem Fenster blicke, sind da grüne Hügel, Bäume. Ich sehe die Kirche, auf der anderen Seite den Stall und die Weide. Zwei Pferde stehen da, ein Esel, das Maultier meiner Mutter. Ich habe den Hof gekauft, auf dem ich aufgewachsen bin. Und ich weiß: Genau so wie hier möchte ich leben. Ich war viel auf Reisen, habe viel von der Welt gesehen. Im Studium arbeitete ich in einem Wolfsprojekt in Kanada. Doch je mehr und je weiter ich weg war, umso mehr war mir klar: Ich will wohnen, wo ich aufgewachsen bin. Was mich ärgert: das Klischee, hier leben „Hinterwäldler“, deren Horizont eng sei wie die Täler.

Meine Familie lebt seit Generationen in der Gegend, hier in Baiersbronn. Als ich klein war, wollte ich den Wald retten, weil damals alle vom Waldsterben redeten. Als ich sieben Jahre alt war, wurde gerade das Naturschutzzentrum für den Nationalpark gebaut. Ich sagte schon damals, zu meinen Eltern: Irgendwann will ich da arbeiten. Mit 17 Jahren war ich in Rumänien mit der Naturschutzjugend, bei der ich mich engagierte. Ich war schockiert, wie dort die Wildnis, der dichte Wald, plötzlich kahl wurde: abgeholzt für billige Ikea-Möbel. Nach dem Abitur habe ich ein Freiwilliges Ökologisches Jahr gemacht, dann Forstwirtschaft studiert. Ich habe mein Zeugnis an dem Tag abgeholt, an dem der Bewerbungsschluss für den Nationalpark war – für mich ein Zeichen. Ich bekam meine Traumstelle als Rangerin.

„UNSER WALD IST WILDNIS, EIN ZUFLUCHTSORT, EIN ERHOLUNGSRAUM FÜR DIE SEELE"

Ich kläre auf, führe Besucherinnen und Besucher durch unseren Nationalpark, beantworte Fragen: „Gibt es bei Eichhörnchen eigentlich auch Links- und Rechtshänder?“ Sorge bereitet mir der Trend zum wilden Campen im Wald, freilaufende Hunde, Leute, die sich nicht an Regeln halten, die vorgesehenen Pfade verlassen und somit Tiere aufschrecken. Oft begleite ich Forstwirtschaftsstudierende hierher. Wir können unglaublich viel lernen, wenn wir sehen, was passiert, wenn wir weniger in die Abläufe des Waldes eingreifen. Das sind Erkenntnisse, die gerade mit Blick auf den Klimawandel unschätzbar wichtig sind.

Die Idee des Nationalparks ist es, die Natur sich selbst zu überlassen. Nur hin und wieder müssen wir ein wenig eingreifen. Wanderwege müssen etwa gut erhalten sein, damit sie gefahrlos zu begehen sind. Die Diskussionen um den Nationalpark, die jahrelang anhielten, die Streitereien sind mittlerweile verebbt. Ich bin fasziniert, in welch kurzer Zeit die Natur unberührt von Menschenhand ihren freien Lauf nimmt. Der Dreizehenspecht ist in vielen Bereichen zurückgekehrt, Auerhühner sind dankbar für die Vielfalt, die der Wald nun bietet. Die Tiere und Pflanzen gehören sich selbst.

Die „Marke“ Nationalpark ist international anerkannt. Touristen lockt das nun immer mehr. Sie verbinden gewisse Vorstellungen damit, Wildnis, einen Zufluchtsort, einen Erholungsraum für die Seele. Die Menschen suchen Natur. Vor allem während der Corona-Krise konnte ich erleben, wie immer mehr an den Wochenenden und zur Ferienzeit in den Wald kamen. Normalerweise wären sie zu der Zeit wohl auf Mallorca oder in Italien gewesen. Jetzt entdecken sie das Paradies vor der Haustür.