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LAND OHNE ÄRZTE, LAND MIT IDEEN

„Gesundes Kinzigtal“ in Hausach wurde 2005 als Projekt der Integrierten Versorgung gegründet. Mittlerweile arbeiten mehr als 800 Personen direkt oder indirekt für die Verbesserung der Gesundheit in der Region. Dazu zählen Arztpraxen, Psycho- und Physiotherapeuten, Pflegeheime und -dienste, Krankenhäuser, Vereine, Apotheken und Fitnessstudios.

Das Medizinische Qualitätsnetz Kinzigtal als Gesellschafter verbindet die beteiligten Ärztinnen und Ärzte. Drei Fragen an die Vorsitzende Dörte Tillack, 49, Fachärztin für Innere Medizin in Haslach

Was leistet die Initiative Gesundes Kinzigtal?

Dörte Tillack

In unseren Praxen sind wir oft Einzelkämpfer. Darum haben wir uns Ärztinnen und Ärzte im Tal zusammengeschlossen. Wir organisieren Fortbildungen oder zuletzt die Corona-Ambulanz. Wir versuchen, Allgemein- und Fachmediziner in der Region zu vernetzen und uns auszutauschen – zum Wohl der Patientinnen und Patienten, etwa indem wir doppelte oder unnötige Untersuchungen vermeiden. Dabei hilft eine gemeinsame Patientenakte, die in der Entstehung ist. Mit den Gemeinden versuchen wir, die Perspektiven für junge Medizinerinnern und Mediziner zu verbessern. Ich habe nichts davon, wenn ich in fünf Jahren allein hier stehe und alle behandeln muss, die hier wohnen.

Sie sprechen das Problem an, Nachfolger zu finden. Woran liegt das?

Noch sind wir hier vergleichsweise gut ausgestattet. Doch in den kommenden Jahren verabschieden sich etliche Hausärzte in den Ruhestand. Für junge Medizinerinnen und Mediziner ist der ländliche Raum unattraktiv. Die alten Hausärzte, die zu jeder Tages- und Nachtzeit bereitstanden, sind selten geworden. Viele der jetzigen Generation wollen nicht mehr 24 Stunden lang, sieben Tage in der Woche abrufbereit sein. Im Studium spielt das Thema Hausarztpraxis leider eine untergeordnete Rolle. Dadurch kommen all die positiven Punkte, die mit der Arbeit im ländlichen Raum verbunden sind, gar nicht zur Sprache. Ich schätze etwa das Vertrauensverhältnis zwischen meinen Patienten und mir, den engen Austausch unter Kollegen, die kurzen Wege …

Was bedeutet für Sie Leben und Arbeiten im ländlichen Raum?

Ich stamme aus den neuen Bundesländern, kam während meiner Ausbildung nur durch Zufall in die Region. Als ich meine Praxis 2009 übernahm, gab es keine Kinderbetreuung für Einjährige oder eine Ganztagesbetreuung in der Gemeinde. Heute sind meine Kinder elf und dreizehn, und es hat sich vieles verbessert. Leben im ländlichen Raum heißt für mich regionale Gestaltungsmöglichkeiten, eine wertvolle Landschaft, aber auch, sich ehrenamtlich zu engagieren. Gemeinsam mit meinem Mann leite ich das Kinderklettertraining bei den Naturfreunden Haslach.