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ENTSCHLEUNIGT EUCH“

Der Schwarzwald ist der Inspirationsraum von Martin Wangler. Ideen für sein Bühnenprogramm als Kabarettist muss er im Alltag auf dem Land nicht lange suchen. Es reicht, die Augen offenzuhalten

Ich spaziere gedankenverloren durch eine wildromantische Schlucht. An ihrem Ausgang werde ich Zeuge einer ungewöhnlichen Szene. Ein Bus mit gut 30 asiatischen Hochzeitspaaren hält an, die Bräute allesamt im weißen Hochzeitskleid mit Schleier, ihre Ehemänner im schwarzen Anzug. Jedes Paar hat seinen eigenen Fotografen dabei, vor dem sie sich der Reihe nach vor einer riesigen Kuckucksuhr ablichten lassen. Kurz darauf steigen sie wieder in den Bus und fahren davon. Und ich wandere weiter ...

Ein paar hundert Meter tiefer im Wald wird es ruhiger. Hier wohnen Menschen, die ich aus Kindertagen kenne. Noch gibt es sie, die Schwarzwälder Originale, die einen mit der Zigarettenkippe im Mundwinkel zur Begrüßung bestenfalls anbellen, keinesfalls jedoch unnötige Worte verlieren. Begegnungen, die ich gern zum Schwarzwälder „Erlebnis-Tourismus“ zähle.

Grüne Wiesen, dunkle Tannen, Idylle – und Gegensätze. Abseits der ausgetretenen Pfade gibt es immer etwas Unerwartetes zu erleben. Das Landleben schärft die Sinne: Der Duft von frischem Heu zur Erntezeit löst den strengen Geruch der Gülle ab, die vor dem Regen ausgebracht wird. Das Gezwitscher der Vögel weckt mich sanft und gehört zum Alltag, wie das Gejaule vom „Fichtenmoped“, der Motorsäge, am Samstagmorgen.

Oft wird das Land als „strukturschwacher Raum“ bezeichnet. Ich mag diesen Begriff nicht. Er klingt, als würden wir noch auf Bäumen hocken und uns mit Trommeln verständigen. Langsameres Internet bedeutet nicht automatisch, dass wir „hintendran“ sind. Viele „Hidden Champions“ kommen aus dem Schwarzwald und exportieren von hier in die ganze Welt. Global denken heißt regional handeln. Dazu gehört, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Wir kennen uns auf dem Land, unterstützen uns. In einer stabilen Gesellschaft, in einer vertrauten Gemeinschaft, das glaube ich, gelingt vieles besser: zum Beispiel die Integration von Geflüchteten. Denn Anonymität schafft oft Distanz und das Gefühl, nicht dazuzugehören, also fremd zu sein. Lebensqualität auf dem Land bedeutet für mich zusammenhalten. Es bedeutet für mich aber auch, am Sonntag zum Frühstück die Eier der eigenen Hühner zu verzehren und Salat aus unserem Garten zu ernten – den ich vorher eigenhändig vor den Schnecken gerettet habe. Und während ich so in der Erde grabe, denke ich daran, was wir eigentlich essen. Das Fleisch auf dem Teller kommt vom Bauern, mit dem ich die Schulbank gedrückt habe. Ich weiß, wie er seine Kühe im Stall hält, wo er sie schlachten lässt. Der Mensch und seine Arbeit, Tiere und die Natur, unser Lebensraum: Alles gehört zusammen, bildet eine Einheit. Wir prägen und ergänzen und verändern uns im Wechselspiel. Für mich dabei immer von Bedeutung: das Bewusstsein und die Wertschätzung füreinander. Das heißt für mich etwa auch, dass wir als Verbraucher bereit sind, einen angemessenen Preis zu bezahlen für regionale Lebensmittel, für das Fleisch, die Milch, Kartoffeln von unseren Landwirten.

Auf meiner „VON DAHEIM“-Tour im Sommer 2020 durch Baden-Württemberg begegne ich vielen verschiedenen Menschen. Beim Reisen fällt mir nicht nur die Schönheit unserer Landschaft auf, sondern vor allem die Herzlichkeit, mit der ich vielerorts empfangen werde. Oft laden mich Leute mit einer großen Selbstverständlichkeit spontan zum Essen ein. Aus Zutaten aus dem Garten und was gerade eben im Kühlschrank ist, bereiten gute Gastgeber Köstliches. „Kochen können“ bedeutet für mich immer noch, aus allem etwas zaubern zu können – je nach Jahreszeit. Das Allerwichtigste ist ohnehin nicht das Essen selbst, sondern die Begegnung, der Austausch. Hier erfahre ich, was die Menschen verbindet, bewegt. Und ich spüre, mit welchen Problemen sie zu kämpfen haben.

Die Themen kommen im wahrsten Sinne auf den Tisch. Oft geht es um die Zukunft, darum, wie es weitergeht. Viele müssen sich etwas einfallen lassen, wollen sich „breiter aufstellen“, um zu bestehen. So halten zum Beispiel neue Tierrassen Einzug in den Schwarzwald. Alpakas stehen an steilen Berghängen, Strauße stolzieren durch den Mühlengrund und seit kurzem grast das hochpreisige japanische Wagyu-Rind neben dem einheimischen Hinterwälder-Rind auf der Weide. Ich begegne vielen originellen Ideen. Not macht eben erfinderisch. Dafür ist der Schwarzwald schließlich bekannt.

Trotzdem fällt mir auf, wie sich immer mehr kleinere Betriebe zum Aufgeben gezwungen sehen und vor allem die Großen überleben. Mit Grauen nehme ich wahr, wie Discounter am Dorfrand wie Pilze aus dem Boden schießen. Gleichzeitig versuchen viele Dörfer, mit großen Anstrengungen ihre Infrastruktur zu erhalten. Davon leben nicht nur die Bewohner, sondern auch der Tourismus. Doch Nachfolger zu finden, ist in vielen Bereichen schwierig. So verschwinden allmählich der Nebenerwerbs-Obstbauer und die Hausärztin, das Gasthaus, die Bankfiliale und die Metzgerei im Ortskern machen dicht. Das Dorf blutet langsam aus und wird mehr und mehr zu einer Wohn- und Schlafstätte. Doch es benötigt gerade diese Orte, an denen Austausch stattfinden kann: die Wirtschaft, der Lebensmittelladen, die Bäckerei. Mit „Scheufele to go“ lassen sich Menschen kurzfristig abspeisen, aber nicht ernähren. Vor allem aber braucht es Vereine, Gruppen, Menschen, die gemeinsam etwas gestalten.

Ich träume davon, dass nicht nur das Leben auf dem Land nachhaltig ist, sondern auch der Tourismus. Ist es noch zeitgemäß, auf der Jagd nach schönen Bildern im Eiltempo durch die Welt zu fliegen?

Wichtig sind doch gute Erfahrungen, die das Leben schreibt: Begegnungen mit anderen, sinnliche Erlebnisse, frei atmen können, gutes regionales Essen in einer schönen Umgebung genießen – und dazu braucht es vor allem eines: alle Sinne, Offenheit. Und Zeit.