Martina Schlagenhauf
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WIE WOLLEN SIE LEBEN, FRAU SCHLAGENHAUF?

MIR IST ES WICHTIG, AUTHENTISCH ZU BLEIBEN

Martina Schlagenhauf

Als Pfarrerin ist Martina Schlagenhauf eine Spätberufene. Nach dem Abitur hatte sie eine Ausbildung bei der Volks- und Raiffeisenbank abgeschlossen, wurde Filialleiterin. Doch schon als Jugendliche, aufgewachsen in einer pietistisch geprägten Familie in einem kleinen Weiler mit nur 23 Häusern, spielte sie Orgel. Erst mit 27 Jahren entschied sie sich für das Theologie-Studium in Tübingen.

Seit Oktober 2018 ist Martina Schlagenhauf Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Schramberg und Lauterbach. Zusammen mit ihrem Ehemann lebt sie im Pfarrhaus, mitten in der Stadt, fünf Minuten vom Wald entfernt. Als Pfarrerin wurde sie herzlich aufgenommen. Obgleich sie spürt, dass sie sich noch immer in einer „klassischen Männerdomäne“ bewegt. In der Sakristei hängt von jedem ihrer Vorgänger ein Bild, ehrwürdige Herren im schwarzen Anzug. Schlagenhauf fällt aus der Reihe.

Neulich fragte eine Fünftklässlerin im Religionsunterricht: „Frau Schlagenhauf, ist die Geschichte von Eva und der Schlange eigentlich schuld daran, dass Frauen heute manchmal noch unterdrückt werden?“ Es sind Gedanken wie diese, für die die Pfarrerin die Religionsstunden am Gymnasium und den Konfirmandenunterricht liebt. Sie spricht mit den Schülern über Menschenwürde, über Homosexualität – und was in der Bibel dazu steht. „Ich sehe mich als jemand, der zum Nachdenken und Hinterfragen anregen möchte“, sagt sie. „Ich stehe ein für mehr Offenheit. Es gibt so viele Wege, seinen Glauben zu leben. Und über den anderen zu urteilen steht niemandem zu.“ Stattdessen wolle sie unvoreingenommen auf ihre Mitmenschen zugehen. „Egal, wer sich danebenbenimmt. Ich bemühe mich immer, nicht die Person an sich, sondern nur ihr Verhalten zu kritisieren.“

Martina Schlagenhauf wuchs in einem kleinen Weiler auf der Schwäbischen Alb auf, nur 23 Häuser, abgelegen. Sie wurde christlich erzogen, lernte früh Orgelspielen und begleitete Gottesdienste, bis sie in den kirchlichen Dienst eintrat. Musik ist ihr Zugang, ihr persönlicher Weg, den Glauben zum Ausdruck zu bringen. Doch Schlagenhauf braucht auch Rückzugsorte, um Kraft zu sammeln. „Im Wald komme ich zur Ruhe.“

In ihrer Gemeinde sind die Gottesdienste noch gut besucht. „Es gibt eine Kerngemeinde, Menschen aus anderen Stadtteilen, die kommen, weil sie gute Kirchenmusik schätzen und eine gewisse theologische Weite vorfinden. Mir ist es wichtig, authentisch zu bleiben.“

An einem Tag hält sie einen Trauergottesdienst mit 150 Menschen, führt Gespräche mit den Trauernden, abends folgen die Kirchengemeinderatssitzungen, Vorstellungsgespräche mit Erzieherinnen und Erziehern des Kindergartens. Zuerst ist sie für viele die Frau im Talar. Doch Schlagenhauf radelt gern durch ihr Städtchen, geht viel zu Fuß, trinkt Kaffee in der Bäckerei – und kommt immer wieder ins Gespräch mit Menschen. „Ich nehme mir Zeit für diese Begegnungen“, sagt sie. „Wer mich kennenlernt, merkt schnell, dass ich nicht jedem gleich mit Gott komme, aber immer offen und ansprechbar bin für Lebens- und Glaubensprobleme.“ Als Seelsorgerin ist sie für andere da und engagiert sich im Stadtverband Soziales. Im Herbst und Winter gibt es Aktionen gegen Einsamkeit, zusätzlich hat die Kirche einen Besuchsdienst für Senioren und eine Weihnachtsaktion für sozial bedürftige Kinder: „Es geht darum, füreinander da zu sein. Egal, ob jemand sein Herz ausschütten, beten oder lieber ‚Mensch ärgere Dich nicht‘ spielen möchte.“ Wenn sie ältere Menschen besucht, zur Goldenen Hochzeit, zum 80. Geburtstag, dann hört sie viel von früher, vom entbehrungsreichen Alltag, der harten körperlichen Arbeit, als Großfamilien unter einem Dach lebten, die Idylle weit weg war. Es sind Geschichten, die sie berühren und Demut lehren. Sie denkt dann an eine Darstellung in ihrer Kirche: Das große Altarfenster zeigt Jesus bei der Bergpredigt mit seinen Jüngern, davor Schwarzwälder in traditioneller Tracht. Jesus ruft darin auf, allen Menschen mit Liebe und Respekt zu begegnen. Auch den Feinden. Er fordert auf, sich gegenseitig zu helfen, sich um Benachteiligte und Schwächere zu kümmern. Für Schlagenhauf ist das Kunstwerk eine tägliche Erinnerung.

Glaube und Religion haben zwar an Bedeutung verloren, beobachtet sie. „Doch unsere Botschaft ist nach wie vor aktuell. Wo sie überzeugend gelebt wird, entstehen Lebensräume, die diesen Namen verdienen. Menschen rücken enger zusammen. Verständigung wird möglich, über Konfessions- und Glaubensgrenzen hinaus.“