Dorothee Eisenlohr
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WIE WOLLEN SIE LEBEN, FRAU EISENLOHR?

"LAND HEISST NICHT ARM UND ABGEHÄNGT. WIR HABEN HIER SO VIELE MÖGLICHKEITEN MITZUWIRKEN"

Dorothee Eisenlohr

Dorothee Eisenlohr ist seit Oktober 2019 Oberbürgermeisterin der Großen Kreisstadt Schramberg mit den Teilen Sulgen, Tennenbronn, Waldmössingen, Heiligenbronn, Schönbronn und der Talstadt. Viele der 21.000 Einwohner engagieren sich für ihre Region.

Zwei hoppelnde Mitbewohner leben im Garten von Dorothee Eisenlohr. „Werden Sie unsere Oberbürgermeisterin, bekommen sie von mir Kaninchen“, hatte ein Schramberger Landwirt am Wahlmorgen per WhatsApp angekündigt. Und Wort gehalten. Es sind Gesten wie diese zum Amtsantritt, die Eisenlohr das Gefühl gaben, schnell dazuzugehören. „Häschen“ und „Bomber“ haben sich mittlerweile als ziemlich große Hasen entpuppt. Und Dorothee Eisenlohr, die ursprünglich aus Hechingen in Hohenzollern stammt, hat eine neue Heimat gefunden. Dort, wo andere Urlaub machen: „Halbhöhenlage, mit Blick auf das Tal, solche Aussichten müssen Stuttgarter teuer bezahlen.“

Eisenlohr ist vernetzt, sie postet Fotos vom Wandern bei Instagram, bei Facebook reagiert sie auf sämtliche Kommentare von Bürgern: „Sich einbringen zum Wohle anderer, nicht egoistisch handeln, etwas für andere leisten“, fasst Eisenlohr zusammen, was es für sie heißt, engagiert zu sein. „Ich will für die Bürger da sein. Schließlich wollen wir gemeinsam unsere Ziele für Schramberg erreichen. Nicht wir von der Stadtverwaltung gegen euch, sondern zusammen für die Stadt.“

Mit bürgerschaftlichem Engagement lassen sich Dinge anpacken: Putzaktionen, Wanderwege richten, Spielplätze gestalten, Schüler streichen ihren Jugendtreff. „Bei solchen Projekten geht es nicht nur darum, Geld zu sparen. Wenn wir selbst etwas schaffen, fühlen wir uns auch danach dafür verantwortlich. Das reduziert Vandalismus und wir schaffen damit auch Gemeinsinn, Nähe“, glaubt Eisenlohr.

Selbst schaffen, für sie hieß das auch, als Oberbürgermeisterin anzutreten, obwohl sie zuerst zweifelte. In Baden-Württemberg sind von 101 Oberbürgermeistern nur acht weiblich. Eisenlohr ist heute die jüngste von ihnen, die drittjüngste in Deutschland. „Wir Frauen müssen verantwortungsvolle Positionen übernehmen“, sagt sie bestimmt. „Nur so ändert sich in unserer Gesellschaft etwas. Und ich will meinen Beitrag leisten .“ Als erste Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Schwarzwald-Baar-Heuberg, 30 Männer im Aufsichtsrat, hat sie bereits Wege geebnet. Vielleicht kein Zufall, dass erneut eine Frau ihre Nachfolge angetreten hat. Engagement, das könne aber auch bedeuten, zwei Kinder großzuziehen und die Eltern zu pflegen, betont Eisenlohr.

Ihr Vater war 37 Jahre für die CDU im Gemeinderat von Hechingen, davon 25 Jahre als Fraktionsvorsitzender. Sie selbst trat mit 14 in die Junge Union ein – und schnell wieder aus. Auch wegen zu viel „männlichen Machtgehabes“. Stattdessen engagierte sie sich in der Jugendarbeit, für die Kolpingsfamilie in Hechingen, wo sie bis heute Mitglied ist. Sie war bei den Pfadfindern, hat Ferienlager betreut. Heute bleibt kaum Zeit für Aktivitäten im Verein. „Mein Engagement ist es zur Zeit, mit ganzem Herzen mein Amt zu erfüllen. Und all die Herausforderungen anzugehen, gemeinsam mit den Schrambergern.“

Mehr als 30 Prozent der Bewohner in der Talstadt sind Migranten. Jedes fünfte Kind lebt hier in einer Familie mit einem Einkommen auf Hartz-IV-Niveau. „Diese Bürger erreichen wir nicht unbedingt über die klassische Blaskapelle.“ Es brauche neue Formen des Engagements, um die Gesellschaft zu verbinden. „Land heißt nicht ‚arm und abgehängt‘, wir haben hier so viele Möglichkeiten mitzuwirken.“ Kultur, Kirchen, Soziales, Sport, Jugend, Natur: Überall engagieren sich Bürgerinnen und Bürger in Schramberg. Ob in gewachsenen Strukturen oder in neuen Projekten und Mitmachaktionen, dem Ehrenamts-Netzwerk „Bürger für Bürger“ oder unkompliziert unter Nachbarn. Urban Gardening, Foodsharing, Initiativen wie die „Barber Angels“, Friseure, die Bedürftigen kostenlos Haare schneiden, all das entwickelt sich auch in Schramberg. Ein Nachbar hat einen Steinbackofen, andere bringen ihren eigenen Teig und backen bei ihm mit.

„In den kleineren Ortsteilen bestehen richtige Dorfgemeinschaften“, sagt Eisenlohr. „Dort fühlen sich die Leute in einem guten Sinne verantwortlich füreinander. Weil sie nicht anonym nebeneinander leben.“ Wenn Menschen sich einmischen und beteiligen, gibt es keinen Stillstand, davon ist sie überzeugt.