Thomas Leser
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WIE WOLLEN SIE LEBEN, HERR LESER?

„DER WALD GEHÖRT SICH SELBST“

Thomas Leser

Seit 20 Jahren ist Thomas Leser Forstrevierleiter im Stadtwald St. Georgen. Er betreut und berät die kommunalen und privaten Waldbesitzer. Veränderungen in seinem Gebiet betrachtet er zunehmend mit Sorge. Während der Wald für immer mehr Menschen als Erholungsgebiet dient, leiden die Bäume unter Hitze und Trockenheit.

Jeden Tag ist Thomas Leser im Wald unterwegs. Seit 20 Jahren ist der St. Georgener Forstrevierleiter. Leser betreut mehr als 2.300 Hektar Kommunal- und Privatwald mit Laubbäumen, Douglasien, Lärchen und Tannen. 550 Hektar davon sind Stadtwald, der Rest ist in privaten Händen.

Wenn er mit Hund Remus durch seinen Arbeitsplatz streift, bleibt Lesers Blick oft sorgenvoll an den rostrot verfärbten Fichten hängen. Borkenkäfer haben sich hineingefressen. Der Zustand ist alarmierend. Trockenheit und Hitze gefährden die Wälder, die Bäume leiden Durst. In den vergangenen Jahren wüteten immer wieder zerstörerische Stürme. Vom Waldsterben wie vor 30 Jahren spricht heute zwar kaum jemand, der schwefelhaltige saure Regen ist kein Thema mehr. Doch noch immer ist ein Drittel der Baumkronen in Baden-Württemberg geschädigt. Der Boden ist übersäuert, Stickstoff in zu hohen Mengen in der Erde – Nährstoffe werden dadurch ausgewaschen, die Bäume „hungern“. Viele Warnzeichen, glaubt Leser, wurden lange verdrängt. „Dem gestressten Wald fehlt eine Pause, Zeit, sich zu erholen.

Leser berät die Waldbesitzer und entscheidet mit ihnen: Welche Bäume sollen sie wo pflanzen? Welche müssen gefällt werden? Welche Perspektiven haben sie mit Blick auf den Klimawandel? Die Zukunft planen, das bedeutet im Wald 100 Jahre vorauszudenken. Der jetzige Zustand sei auch das Ergebnis der Forstwirtschaft der Jahre um 1900, als mit Fichten aufgeforstet wurde, die die höchsten Erträge versprachen. Nun gehe es darum, Jungbäume zu pflanzen, die auch in 50 Jahren noch gesund wachsen: etwa Pinien oder Akazien, die mit längerer Trockenzeit zurechtkommen. Der große Nachteil: Wirtschaftlich sind Fichte und Tanne die „Brotbäume“ der Schwarzwälder. Die Kommunen, die Nadelwälder besitzen, haben in den vergangenen 50 Jahren immer Geld verdienen können mit dem Wald. Das wird zunehmend schwieriger – und der einst dichte Schwarzwald lichter.

Wem gehört der Schwarzwald?“ Wenn Leser diese Frage gestellt bekommt, zögert er nur einen kurzen Moment. Zunächst, sagt Thomas Leser, gehört der Wald sich selbst, dann den Grundstückseigentümern. „Er ist Allgemeingut und wird von allen genutzt. Das soll auch so sein“, sagt er. „Doch wird er nicht wirtschaftlich genutzt, wird er nicht gepflegt, nutzt er auch der Bevölkerung nichts.“ Dann wuchern Spazierwege zu, Schädlinge fressen sich durch die Bäume, umgefallene Stämme bleiben liegen. Für Leser wäre es eine absurde Vorstellung, irgendwann ein Kartenhäuschen aufzustellen und Eintritt für den Wald zu verlangen. Doch er glaubt, dass vielen heute das Verständnis für die Pflege des Waldes fehlt. „Da steckt Arbeit darin – und darum müssen die Besitzer auch Erträge daraus erzielen können. Und im Gegenzug kann jeder die Ruhe auf sich wirken lassen.“

Doch die ist gestört. Von Leuten, die den Wald nicht genießen, nicht, sondern missbrauchen, die grillen, Motorrad fahren, Wegsperrungen missachten, Müll abladen. „Zum Entsorgen müssen wir Steuergelder aufwenden, damit der Wald sauber wird“, sagt Leser. „Meist sind die Verursacher genau die Leute, die sich sonst beschweren, zu viel an das Finanzamt abzugeben.“ Immer mehr wird der Förster zum Vermittler und Streitschlichter. Er beobachtet all die Konflikte: Jogger gegen Gassigänger, Spaziergänger gegen Radfahrer, Radfahrer gegen Forstarbeiter. Für die Bevölkerung ist der Wald zum Freizeitareal geworden, in dem sie wandern gehen, mit dem Mountainbike die Hänge herunterbrettern oder sich auf Schatzsuche machen beim Geocaching. Je mehr Menschen ihren Platz beanspruchen, desto mehr Streit. „Oftmals wäre Rücksichtnahme schon alles.“

Und doch verliert Leser nie seine Hoffnung. Als er im Jahr 2000 in den Schwarzwald kam, fraßen sich Kahlflächen von Sturm Lothar durch. „Wenn ich heute spazieren gehe, bin ich beeindruckt, wie gut sich der Wald seitdem wieder entwickelt hat.“ Die Solidarität, die die Menschen damals zeigten, war phänomenal: Schulklassen kamen zum Pflanzen, Privatleute spendeten Bäume. Es zeigt ihm, dass die Menschen ihren Wald schätzen – und dass der Wald sich erholen kann.