Walter Hänse
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WIE WOLLEN SIE LEBEN, HERR HÄNSE?

„VERNETZUNG IST OBERSTES GEBOT FÜR UNS.“

Walter Hänse

Nach Jahren in Berlin ist Walter Hänse, 38, heute Technischer Leiter von Steidinger Apparatebau in seiner Heimat St. Georgen. Der Schwerpunkt von Hänse liegt auf „modernen, sauberen Energietechnologien.“ Sein Start-up vernetzt sich mit den traditionellen Familienunternehmen vor Ort.

Walter Hänse ist ein Rückkehrer. Bis zum 22. Lebensjahr war er in St. Georgen. „Dann wusste ich den Wald nicht mehr zu schätzen.“ Nach seiner Lehre zum Werkzeugmechaniker wollte er weg. In Berlin studierte er Erneuerbare Energien, reiste viel, verbrachte Monate in Asien bis es ihn nach Freiburg verschlug. Beim Fraunhofer Institut forschte er zum Thema Wasseraufbereitung und merkte, dass er sich „im größten Dorf Deutschlands“ wohler fühlt als in der Hauptstadt. 15 Jahre nach seinem Aufbruch ist Walter Hänse wieder bei seinen Wurzeln. Ein Ziel sieht er heute selbst darin, „das Abwandern von Talenten zu verhindern“.

Günstige Mieten, eine Reihe von „Hidden Champions“ in der Nachbarschaft, ein wenig Silicon Valley und jede Menge Schwarzwälder Tüftlergeist: In den Räumen der Fabrik Obergfell entwickelt das Team von Steidinger Apparatebau Ideen in den Bereichen Energietechnik, Audio, Augmented Reality, temporäre Architektur. Das Start-up vernetzt Unternehmen. Steidinger Apparatebau sieht Hänse als Plattform, das Transformationen von Unternehmen unterstützen möchte. Hänses Partner Hansjörg Weisser ist ein Teilhaber des traditionellen Maschinenbauers J.G. Weisser, einem der weltweit führenden Hersteller von Präzisions-Drehmaschinen, mit dem Steidinger zusammenarbeitet. Das Team neue Geschäftsmodelle „für das Leben und Arbeiten von heute und morgen“, sagt Hänse. Sie kooperieren mit der Industrie vor Ort, wollen den Unternehmen neue Geschäftsfelder zeigen, Forscher und Entwickler mit Familienbetrieben verbinden, die die Ideen in ihren Hallen schließlich umsetzen. Und suchen dafür immer wieder neue Partner und Investoren.

Sechs feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sie im Team. Einen festen Chef gibt es nicht. Entscheidungen fällt das Team gemeinsam. Designer, Ingenieure für Audio, Maschinenbau, erneuerbare Energien und Softwareprogrammierung arbeiten zusammen, entwickeln Produktionssysteme für Unternehmen, programmieren etwa Konfiguratoren, mit denen Kunden sich beispielsweise Alufelgen maßschneidern lassen können. „Solche Produktionsmaschinen aus dem Bereich Automobil könnten diese Einzelteile in Massenfertigungsgeschwindigkeit herstellen – ähnlich wie 3D-Drucker, aber besser.“

Hänse und seine Kollegen versuchen Leerstand zu füllen, wollen Kreativzentren entwickeln. In einer alten Schreinerei entsteht eine offene Werkstatt. Das Großraumbüro ist am Standort des einst erfolgreichen Uhrenherstellers Kundo-Staiger. Die Brüder Steidinger, Namensgeber des Startups, hatten einen Federmotor entwickelt für die Uhrenindustrie. Früher war St. Georgen deren Hochburg – und mit den weltberühmten Dual-Plattenspielern an der Spitze im Bereich Unterhaltungselektronik. „Die feinmechanischen Kompetenzen blieben erhalten“, sagt Hänse. Heute setzen die Unternehmen auf Mess-, Regel- und Steuerungstechnik oder Maschinenbau.

Für Walter Hänse sind das Anknüpfungspunkte. „Vernetzung ist oberstes Gebot für uns“, sagt er. Damit sich etwas ändert, braucht es Menschen, die die Dinge anstoßen und in Bewegung bringen, Verbindungen schaffen. Aus seiner Sicht bietet der Standort St. Georgen dafür nur Vorteile: „In Berlin müssten wir für unsere Räume das Fünffache bezahlen.“ St. Georgen ist gut angebunden, als höchste Station der Schwarzwaldbahn, die Ringbahn soll kommen – Stuttgart und Freiburg sind dann noch schneller erreichbar“, sagt Hänse. Die ansässigen Unternehmen profitieren von der Nähe zu Forschungseinrichtungen wie der technischen Hochschule Furtwangen. Nur auf den Bus müssen Gäste oft eine halbe Stunde warten. Im Foyer des Unternehmens übt die Musikschule. Weitere Firmen und Gruppen sollen sich ansiedeln, Besucher können sich im Coworking-Space einmieten – Arbeiten und nebenbei eine Auszeit genießen.

Denn das Schönste“, sagt Hänse: „Egal, in welche Richtung es geht. Irgendwann landet man immer im Wald.“